Vorab: es war mal wieder großartig, Chris und Tommy und das ganze Team haben mal wieder einen hervorragenden Job gemacht. Wie sagte doch einer der Künstler: es gibt Leute, die machen Festivals professionell und es gibt Leute, die machen Festivals mit Liebe, aber die Kombination aus beidem ist selten und kostbar. Genau. Ist jetzt mein drittes Festival aus dieser Serie gewesen und es war wieder genauso: super nette Leute, die dort die Orga machen, tolle Künstler und auch das Publikum war genau so: einfach nett und gut gelaunt und bereit Rücksicht zu nehmen, wenn man denn mal irgendwo nichts gesehen hat, wirklich toll. Und ich muss auch ein bisschen innerliches Gemecker zurücknehmen: ich fand das Festival auch deshalb die ersten beiden Male so toll, weil man auch mit einer Spiegelreflexkamera ohne Presseausweis einfach mal das Fotografieren ausprobieren durfte. Wurde dann zum letzten Sommer hin eingeschränkt, weil es wohl zu viel wurde und die Leute das nicht mehr lustig gefunden haben. War u.a. deshalb (hauptsächlich aber weil mir kurzfristig was dazwischen gekommen war) im letzten Sommer trotz vorher erworbener Karte nicht dort. Aber ich muss sagen, es war tatsächlich angenehmer – und meine kleine Kamera hat auch ganz nette Fotos geschossen, wenn auch nicht so schöne wie beim letzten Mal. Trotzdem: Ich entschuldige mich hiermit also offiziell für mein inneres Gebrummel :-).

Der Veranstaltungsort hatte im Vergleich zu meinem letzten Acoustic Winter (2016) gewechselt und das Festival fand in den Innenräumen des Weltkunstzimmers statt. Hier hatte bislang im überdachten Innenhof das acoustic summer festival gastiert, die Innenräume hatten wir nur anteilig bei der letzten Band (Hothouse Flowers) gesehen. Dieses Mal also innen. Riesig groß, eine Halle mit Bierbänken, Theke, Essen, Cocktails, Kaffee (!) wer wollte, im separaten Eingangsraum die Kinderbetreuung und die Garderobe, im Innenhof Rauchgelegenheiten und dann ein großer (anderer als beim Acoustic Summer glaub ich) Raum für die Bühne und die Konzerte. Bin leider aus privaten Gründen nicht direkt zum Start da gewesen und habe daher die Band Laut Leben verpasst und leider auch einen großen Teil von Pollyanna. Frau (Isabelle Casier) mit Gitarre unterstützt von einer weiteren Frau mit Geige aus Frankreich, Drums waren auch noch mit dabei. Gesang aber englisch. Sehr schöne indie/singer-songwriter Melodien, tolle Stimme, hat mir sehr gut gefallen für den Start, hätte ich gerne mehr von gehört (hab mir dann immerhin die CD mitgenommen).

Um 17:36 h nach einem kurzen Umbau dann - durch Emily Wigham wie immer zauberhaft angekündigt - Tim Lothar aus Dänemark, aufgewachsen in Kanada, ein Mann mit Mütze auf einem Stuhl mit einer Gitarre. Blues war die Richtung, hat mir aber nicht gefallen, hab dann mal den Kaffee ausprobiert (ja, es gab Kaffee, beim letzten acoustic winter vor 2 Jahren hab ich ihn sehr vermisst, fand ich super) und mich in der Vorhalle ein bisschen unterhalten, die ersten Justin-Fans waren schon eingetroffen und da findet sich ja dann doch immer der eine oder die andere den man kennt. Super fand ich übrigens, dass die Musik in diesen Raum übertragen wurde, d.h. auch wenn man mal nicht mehr stehen konnte und die Musik aber trotzdem schön fand, konnte man sie hören. Super Idee!

Gespielt hat Tim Lothar bis 18:10 h, nach der Umbaupause dann ab 18:26 h Emaline Delapaix aus Australien, lebt aber gem. ihrer Homepage in Berlin, eine schlanke, sehr rothaarige Dame, ein bisschen wie eine Elfe, zunächst an der Gitarre, dann auch am Keyboard. Begleitet von einem Herren in einem weinroten, ziemlich scheußlichen Samtsakko, der Gitarre und so eine Art Hackbrett gespielt hat, aber die ganze Zeit nichts gesagt hat. Sie hat dafür umso mehr gesagt. Zunächst mal die Musik: eine hohe, glasklare Stimme, mal leise, mal kraftvoll, mal schnell, fast wie Sprechgesang. Interessant. Richtung, singer-songwriter würde ich sagen. Schön, aber auch anstrengend, insbesondere die hohen Töne. Anstrengend auch, weil ich mir ein bisschen vorkam wie bei einer ersten Live-Probe. Die Gitarre ist zu leise, jetzt ist sie zu laut, die Stimme ist nicht laut genug, der Mann ist zu laut, wahlweise auch zu leise. Will sagen, irgendwas war immer, bei jedem Song. Wenn es nicht die Technik war, hat sie sich verspielt (ok, nur einmal). War ein bisschen nervig. Vermutlich wäre uns das alles gar nicht aufgefallen, wenn sie einfach mal zuende gespielt hätte. Aber im Nachgang muss ich ein bisschen revidieren, dass ich sie empfindlich fand, weil fast bei jedem Musiker irgendwas mit dem Ton nicht passte. Nur haben die irgendwie nicht so ein Gewese drum gemacht... Hier hab ich zumindest ein paar der Lieder mitgeschrieben, auch wenn das sicherlich nicht die richtigen Namen sind: Eliza (it's just how it goes), dann ihr "Lieblied" (ja, sie weiß, dass es auf Deutsch korrekt Liebeslied heißt, aber sie sagt immer Lieblied – hört sich ja auch wirklich nett an) für Kanada, wo sie lange gelebt hat und wo sie die Leute so nett und relaxed findet: something about the people / brings me to my knees. Dann irgendwas mit made you feel at home, hier wurde ihre Gitarre dann kurzerhand mal zur Trommel. Dann hat sie das Instrument gewechselt und es kam irgendwas mit if there's a way. Dann – weiter mit Keyboard – ein "feminist song", habe vom Text leider nichts verstanden, ist aber wohl auf dem neuen Album. Danach hatte ich dann eine Pause nötig, es kamen noch zwei Songs, von denen ich die Texte leider nicht mitbekommen habe, Schluss war um 19:07 h.

Das nächste war Der Butterwegge. Großer Typ, Schlägermütze, Karohemd, Schlabberjeans, Bart und, ganz wichtig, ein North Alone-T-shirt und, noch wichtiger, einen ganzen Arm voller NMA-Tattoos (Today-is-a-good-day-Rose), das konnte nur gut werden. Begleitet von einem Drummer, einem Bassisten, einem Akkordeon-Spieler, einem weiteren Gitarristen und noch einem Düsseldorfer Gast-Gitarristen (ab Song 3). Ganz schön voll auf der Bühne. Der Typ selber, Carsten Butterwegge, wenn ich mal dem Netz trauen darf, hat, wie Emily sagte, eine Kneipe namens Indie im Ruhrgebiet – genauer gesagt Duisburg – und passt vom Auftreten und Erzählen und seinem ganzen Sein auch glaub ich mal so richtig gut hinter einen Tresen. Ist bestimmt super in dieser Kneipe, sollten wir dringend die Tage mal ausprobieren ;-).

Technik wieder so naja, man arbeitete dran, daher hat er erstmal ein bisschen erzählt. Macht ja Alko Pop, sagte schon Emily. Und nebenbei ist er Stand-up-Comedian. Hörte sich zumindest so an als würde er genauso gerne erzählen wie er singt ;-). Wobei, so richtig Pop war das nicht, kann ich gar nicht sortieren, bisschen Walzer a la Element of Crime, bisschen Folk, bisschen geklaut von allem, was die Musikrichtungen so hergeben, alles sehr melodisch, sehr tanzbar. Alltagstauglicher pop/rock/punk/Schlager vielleicht. Oder so. Und es ging häufig um Alkohol – passt auch zur Kneipe ;-).

Die Songs und der ganze Typ mit samt Band (ein paar hab ich gefunden, aber nicht alle: Alex Schroer an der Gitarre, Guido Conrad an den Drums, Georg Zimmermann am Bass - das war der Düsseldorfer Gast - Kai Schuhmacher am Akkordeon und an der Melodika und einer fehlt glaub ich, noch eine Gitarre?) waren wirklich die Show, großes Kino, gerne wieder. Start um 19:19 h mit Guppi, dann Blaurot, irgendwas mit Liebe und dass es einen ja immer dann trifft, wenn man eigentlich nur mal eben raus und einen saufen will und dann wacht man am nächsten Morgen auf und denkt "ach Du Scheiße". Naja, wie's halt so ist. Neben den Texten ist der Typ an sich auch der geborene Alleinunterhalter, das Singen braucht gar nicht unbedingt, das Reden reicht schon ;-). Weiter mit harter Hund und der freundlichen Aufforderung, das doch jetzt gefälligst auch mitzusingen. Hat super geklappt. Viele Leute konnten die Texte aber ohnehin, mir war er noch nicht begegnet, ich suche normalerweise aber auch nicht grade gezielt nach deutschsprachiger Musik, weil ich aktuell von diesem Phrasengedresche a la "wir fahren ans Meer und lassen die böse Stadt hinter uns und vorne ist der Sonnenuntergang und du bist die tollste Frau der Welt und weißt Du noch, damals, da war alles besser und die Welt war rosarot" von Revolverheld und Giesinger und wie sie alle heißen ein kleines bisschen die Nase voll habe. Hier brauchte ich Phrasengedresche in dieser Form allerdings nicht zu befürchten, hört euch die Texte mal an. Dann mal was Politisches, zumindest war's glaub ich ein Text ohne Alkohol, aber gegen Lobbyisten: Menschmaschine (nein, kein Cover von Kraftwerk). Das nächste war dann wieder Alkohol: der letzte Schluck und dann tatsächlich was über die Jugend, seine, die ja vielleicht bei uns (er könnte das mit dem Alter des Publikums nicht so einschätzen) auch so ähnlich war: das war unsere Jugend. Hier natürlich großes Kino, dass er Vagabonds von Army zitiert hat.

Weiter dann über den Kneipenwirt, den Herrn der Gläser. Und als letztes nochmal politisch und saugut: Farbe: egal. Auch mit tollem Chor. Der Mann ist wirklich einer zum Merken, klasse Auftritt. Und auch der Musikgeschmack mit North alone und NMA-Tattoos, wie gesagt, das musste gut werden ;-). Die Songs fast alle zu finden auf der Platte Liebe - Lyrik - Alkohol von 2016, die ich auch direkt mal mitgenommen habe. Bis 20:01 h.

Weiter mit noch was Deutschem, Matze Rossi. Aber bislang waren diejenigen, die hier im acoustic festival aufgetreten haben, immer weit weg von obigem Einheitsbrei, insbesondere erinnere ich mich bei den deutschsprachigen Künstlern hier gerne an Luise Weidehaas, von daher hätte ich gar keine Angst zu haben brauchen. Und war auch beim folgenden Künstler wieder völlig unbegründet. Nicht so ein Spaßvogel wie der Butterwegge, der sich und seine Songs nicht so ernst nimmt, dass er damit die Welt retten will, aber auch keiner, der nur Platitüden von sich gibt. Im Gegenteil, tolle Texte, schöne, raue Stimme, ein bisschen wie eine Mischung – da sind sie wieder – aus Kettcar meets Rio Reiser. Hat mir gut gefallen. Start um 20:13 h. Ein Mann, eine Gitarre. Macht Musik als Beruf seit 3 Jahren hat er erzählt. Auch wieder mit einer dieser beliebten Schlägermützen, aber auch bei ihm als Mann Nr. 3 im Lineup mit dieser Art von Kopfbedeckung sehr kleidsam ;-). Start mit Horizont. Beim nächsten ging's irgendwie ums Aussehen und wir sollten mitsingen: "hey". Das war einfach, wurde dann auch noch von einer Glühbirnenkette über der Bühne unterstützt, die gefühlt aber immer einen kleinen Tick zu langsam war. Dann irgendwas mit Zweifeln und Bedauern und das nächste war dann eines, wo das Publikum durchaus gespaltener Meinung war, denn wie hat er es formuliert? Tim Bendzko sei ein Idiot. Das Publikum war dieser Aussage gegenüber eher zwiegespalten, dabei hat er sich doch nur auf sein Lied "Welt retten" bezogen: denn im Zweifel würde er immer das Mädchen nehmen und das Welt-Retten jemand anderem überlassen: "… für das Mädchen entscheiden und wer anders kommt und rettet die Welt."

Dann ein ruhiges Lied und er bat auch um Ruhe: Wunder. Das nächste ebenfalls nochmal ruhig – irgendwas mit nichts passiert ohne Grund und alles brennt. Das mit der Stille hat richtig gut funktioniert, das Raumkonzept ist echt aufgegangen.

Dann sollten wir wieder singen, es ging darum, dass ab einem gewissen Alter tatsächlich auch Freunde versterben und er hat sich einfach mal gedacht, was er denn will, was passiert, wenn er denn mal abtritt und so heißt auch das Lied: wenn ich mal… dann will er, dass seine Freunde vorbei kommen und ein paar Tage für ihn singen. Zwischendrin ist im übrigens die Gitarrensaite gerissen, er hatte aber noch eine Reservegitarre dabei und spielte dann jetzt schon seit zwei oder drei Liedern auf dieser alten, nicht so tollen, wie er sagte, Gitarre. Und von dieser riss dann am Anfang des nächsten Songs auch wieder eine Saite. Er hatte sich extra vorher noch versichert, dass er noch zwei Songs Zeit hätte und wollte dann aber tatsächlich aufgeben. Gibt's nicht, er musste ein bisschen erzählen und währenddessen die Saite wechseln. Hat dann zwar das Lied (Wovon sollen wir leben – das, was sich Musiker, grade wenn sie nicht groß und berühmt sind häufiger mal fragen) nicht mehr zuende bringen sondern hat direkt das letzte Lied angestimmt, das ihm ein Anliegen war und bei dem wir auf jeden Fall mitsingen sollten, weil für einen lieben verstorbenen Freund, der es leider nicht mehr gehört hat. Das einzige englische: All for one. Ist dafür ins Publikum gesprungen und hat's mit uns zusammen gesungen. Die Veranstalter haben die Türen zum Nachbarraum geschlossen, damit es noch beeindruckender klingt, war ein toller Chor, sehr laut und echt bewegend. Obwohl es auch ein kleines bisschen kitschig war, war es trotzdem ein berührender Moment. Wow. Bis ca. 20:50 h.

Danach dann die Lokalmatadoren Nr. 1, die Band, bei der auch Tommy Kirchmann (an den Drums), einer der Veranstalter mitspielt: One Eye open. Er hatte glaub ich mit Aufbauen, die ganze Zeit vor Ort da sein für alle möglichen und unmöglichen Fragen und dem Auftritt einen echt anstrengenden Tag, Hut ab! Das macht man nicht mal so eben ohne Leidenschaft und Liebe für die Sache!

Schöne Indie-/Folk-Musik, alles Liebeslieder, wie der Sänger Majo sagte, mal mit gutem, mal mit nicht so gutem Ende, aber Liebeslieder. Start um 21:06 h. Majo, Gesang und Gitarre, Jules Booth, Geige und Gesang, Heiko Wichelhaus Gitarre, Mandoline, Gesang, Tommy Kirchmann, Percussion. Die ersten Songs hab ich noch live vor der Bühne mitbekommen, dann musste ich mich echt mal setzen, u.a. jetzt, weil ich unbedingt Niall Connolly sehen wollte, der mich vor 2 Jahren beim Stromausfall so beeindruckt hat. Schade drum, aber irgendwann muss man die Bänke und das Getränkeangebot ja mal nutzen: Leider weiß ich die Liedernamen nicht, daher nur Textfetzen:

From the ocean
Turn your head around/bittersweet love
She's coming from the sea
Parachute
Kathleen

hab ich mitbekommen, den Rest der Setlist leider nicht. Gespielt haben sie bis ca. 21:53 h.

Dann Niall Connolly um 22:01 h, der kleine Ire aus New York, der beim letzten Mal den Retter ohne Strom gegeben hat. Freute sich wie verrückt, weil sein kleiner Neffe seit nunmehr 10 Stunden auf der Welt sei, let's call him Louis, even if he ends being called Christopher ;-).

Der Mann kann super erzählen, kann alle Leute dazu bringen, mitzusingen, auch wenn sie die Lieder gar nicht kennen, sehr toll. Die Stimme ist mir eigentlich zu hoch, nix für mein Wohnzimmer, aber live immer wieder, sehr, sehr gerne. Start mit Dream your way out of this, dann was mit dem Nachbarn: neighbour. Dann open your eyes, wo wir dann direkt im Anschluss auch open your eyes singen sollten. Und natürlich, wer so nett fragt.. ;-). Weiter mit silent screaming. Dann was trauriges und irisches über den getöteten James Connolly (irischer Nationalheld. Er wurde nach dem Scheitern des Osteraufstands 1916 als Anführer der Irish Citizen Army von britischen Besatzern in Dublin hingerichtet sagt wikipedia): A song for James Connolly: Lily don't you cry I've lived the fullest of lifes. Davor die Lieder seien alle so fröhlich gewesen und er sei doch Ire. Irgendwer hätte ihm mal gesagt, er möge doch mal ein fröhliches irisches Lied spielen. Kommentar seinerseits: was denn nun, es geht nur eins.

Dann irgendwas mit Minute und etwas über eine Kneipe in Brooklyn, die seit 1964 geöffnet habe. Immer, also dauernd. Wäre auch nie zu, hätte gar kein Schloss. Und es wäre auch immer jemand da – hoffentlich nicht immer derselbe Jemand ,-). Come on in to the Dark. Und dann: wer braucht schon Strom oder Mikros: ganz ohne alles, am Rande der Bühne stehend: The Parting Glass – anfangs sogar ohne Gitarre. Wow, noch so ein Gänsehautding!

Bis 22:42 h.

Uff, langsam wurden meine Füße und mein Rücken ein bisschen quengelig und da ich ja Justin Sullivan nun unbedingt sehen wollte, mussten wohl die Lokalmatadoren Nr. 2, The Porters, für eine weitere Pause herhalten. Hab mir aber die ersten Songs und den letzten noch angehört.

Sehr viele Menschen – aus dem Raum Düsseldorf – auf der Bühne: Volker der Sänger, Gehrke an den Drums, Senorita Violina Silke mit der Geige, Gipsy Andy an der Mandoline und anderen Instrumenten und Irish Pete am Bass/Akustik-Gitarre (so sagt die Homepage dass sie heißen). Und dann ging's los mit schönem Folk-Punk in akustisch, wohl eher selten in dieser Form zu hören von den Porters. Ich fand's nett, nix Ungewöhnliches, bisschen wie ferocious dog, die ich als Vorband zu den Levellers mal gesehen habe, bisschen auch wie Levellers, also gute Laune, sehr tanzbar, wenn einem nicht die Füße weh tun. Starteten mit Back to Hell und sangen dann was über Hamburg (was mindestens mal das anteilige St. Pauli Outfit des Sängers erklären könnte): Harbour Pearl. Durften von 22:57 h bis 23:39 h spielen und hatten auch richtig viele Fans dabei, die größtenteils vorher draußen gewartet hatten und nach dem Konzert auch dorthin wieder verschwanden, so dass Platz war für die ganzen Army-Fans, die draußen gewartet hatten um jetzt endlich Justin zu hören. Dabei war der Rest auch schön!

Start Justin Sullivan um 23:55 h, eine Viertelstunde nach der geplanten Zeit. Für so ein langes Festival eine durchaus vertretbare Verspätung, finde ich. Außerdem gehen mindestens 10 Minuten davon auf Darren's Konto, der die Gitarren gestimmt hat und das Mikro ausprobiert hat. Vielleicht sollten sie demnächst einfach schon um 11 Uhr anfangen, dann wird’s auch nicht so spät ;-).

Der Mann kam, die Menschen hingen an seinen Lippen, es war wie immer: wenn er die Bühne betritt, legt sich irgendwie ein Zauber über uns, die Zeit bleibt stehen – oder vergeht wie im Flug, auf jeden Fall macht er was mit meiner Wahrnehmung. Die Setlist war ähnlich zu der von gestern, bei den Geschichten (insbesondere der mit dem Valley) hat er den roten Faden glaub ich etwas besser sortiert, alles hat er aufgrund der Kürze der Zeit nicht nochmal erzählt. Für alle, denen das jetzt ein bisschen hopp-la-hopp geht: ich war gestern schon in Essen im Grend und dort stehen die Geschichten, die er erzählt hat, etwas ausführlicher beschrieben. Hier ist der link. Start also erstmal identisch: All consuming fire, Devil, Winter, Ghosts, Over the wire, Tomorrow Came, wieder mit der Anmerkung über seine Generation. Dann nur eine ganz kurze Erwähnung von Petros dem Griechen (hat irgendwer früher einslive gehört? Grillstube Saloniki? Mit Petros dem alten Griechen? Hab ich ewig nicht mehr dran gedacht, war auch eigentlich albern - und hat auch zu der Geschichte gar keinen Zusammenhang - sorry ;-)) und sky in your eyes. Dann auch hier wieder die Jolene-Story: ein amerikanisches Punk-Rock-Magazin hat mit ihm per skype ein Interview gemacht und wollte wissen, was denn seiner Meinung nach der beste Liedtext sei – seine Antwort hat ihnen eher weniger gefallen: Jolene (Dolly Parton) – 2 ½ Personen (der Mann zählt nur halb) und in 8 Zeilen ist die ganze Geschichte erzählt. Überhaupt seien Songs, die eine Geschichte erzählen, die besten Songs. Dann wieder Green, wie auch schon gestern, von seinem Solo-Album Navigating by the Stars mit einem sehr irren Gitarrensolo am Ende, das man dem doch sonst sehr ruhigen Lied gar nicht so zutraut. Angeblich übrigens eine Geschichte, die ihm ein Deutscher erzählt hat. Und a propos ruhig: obwohl hier deutlich mehr Leute waren als gestern im Grend war es noch leiser, beinahe andächtig. Und auch das Mitsingen war noch schöner, natürlich nur der Tatsache geschuldet, dass es einfach mehr Stimmen waren, die mitgesungen haben. Sehr, sehr schön. Bei den leisen Liedern, bei denen man sich konzentriert hat, schön zu singen, hat es mir noch besser gefallen als bei den lauten, die jeder kennt und bei denen es irgendwie darum ging, mindestens mal genauso laut zu sein wie Justin :-). Beides aber großartig. Hab diesmal auch wieder die Lieder in die Töpfchen sortiert und überlegt, was denn wohl gut zu der 1.000-voices-Aktion am 13. und 14. April in der round chapel in London passen würde, wenn New Model Army zu einem – sehr schnell ausverkauften – sing-along laden. Aber bei den meisten songs hatte ich diese Sortierung ja gestern schon vorgenommen, mussten also nur noch die neuen songs einsortiert werden. Justin erzählte auch hier wieder von der Sonntagsvorstellung am 15. April. Wer von euch also Lust bekommen hat: noch geht was ;-).

Weiter dann mit Strogoula und plötzlich machte es "knack" und das Mikro war aus. Während Darren versucht hat, das Problem zu heilen, hat Justin einfach ohne Verstärkung weiter gespielt und weiter gesungen und das mit einem sehr textsicheren – naja, nach dem ersten Schreck – Publikum. War toll. Beim nächsten Song war alles wieder repariert. Justin erzählte erstmal wieder eine Geschichte und hier klau ich mir einfach mal meinen Text von gestern:

"I am a road whore", sagte er über sich selbst, "ich liebe es unterwegs zu sein, es gibt nichts Schöneres als wenn das Auto unten mit laufendem Motor steht und man weiß: jetzt geht's los, weg, einfach nur weg." Und er erzählte dann, dass er diesen Ausdruck auch mal zu seiner Teilzeitgeigerin Shir-Ran Yinon (aus Leipzig) mal gesagt hat, weil sie auch dauernd mit wechselnden Bands auf Tour ist ("Shir-Ran you’re a road whore") und machte sie mit ihrem (unserem) deutschen Akzent dann sehr schön nach: "that doesn’t sound good", war nämlich ihre Antwort ;-). Dann machte er einen hier etwas eleganteren Sprung in eine Geschichte in den USA: sie waren ihre vorletzte Platte mischen in L.A. und hatten ein Wochenende frei. Dean wollte unbedingt in eines der Täler, das parallel zum Death Valley in Nevada verläuft, das Paramint Valley. Am einen Ende ein Motel, am anderen Ende eine Ghost Town, übrig geblieben vom Gold Rush, mit einem seltsamen Typen, der einem dort die Dinge zeigt. Jedenfalls sind sie losgefahren, haben das Navi programmiert und dann immer gradeaus, immer durch die Wüste, Radio wäre nett gewesen, aber: kein einziger Sender, gar nichts, nicht mal einer der zahlreichen christlichen Sender. Also einfach Straße, Wüste, Weite und irgendwann der grandiose Blick auf das Tal. Stille, Stimmung, wow. Und dann sagte eine kleine Stimme aus dem Navi: "You have reached your destination". So viel zu Stille und Stimmung ;-). Das zugehörige Lied war After Something: we are always after something, we are always chasing something until moving just becomes everything.

Weiter ging es dann wie auch schon gestern mit Eyes get used to the darkness, auch sehr schön zum Mitsingen, genauso natürlich wie You weren't there, wo wieder die Musik vom iphone kam und Justin Mundharmonika gespielt hat. Die besungenen Städte in der ersten Strophe waren wie gestern Tehran und Kabul.

Er erzählte, dass er als "man of a certain age" nun dann doch schon mal zurückschauen würde und über das Leben philosophieren würde (reflecting war sein Wort dazu) und es folgten Rivers und Ballad of Bodmin Pill, insbesondere das letzte natürlich wieder mega-geeignet für ein Sing-Along. Schluss um 01:07 h - bevor die Zugaben starteten natürlich!

Zugaben waren anders, Start mit Fate, was er auch gestern gespielt hat (das hat sangestechnisch ja auch geklappt ;-)) und neu im Programm und sehr gute Mit-Sing-Songs waren headlights und Snellsmore Wood! Bei beiden war das Mitsingen sehr schön, leise, melodisch. Seufz.

Uff, Ende dann um 01:21 h.

Sehr sehr schön war’s. Ich war sehr beseelt, aber auch platt. Großes Lob an die Markenrücknahmedamen und die guten Geister der Garderobe, ging super-fix!

Weiter so, gerne wieder, und tatsächlich auch ohne einen Justin im Hauptprogramm, den ich aber gerne immer nehme, ist dieses Festival sehr zu empfehlen. Bleibt so und vielen Dank an alle, die das möglich gemacht haben, ich fand’s toll.

Hier noch die links auf die Seiten der aufgetretenen Bands:

Pollyanna

Tim Lothar

Emaline Delapaix

Der Butterwegge

Matze Rossi

One Eye Open

Niall Connolly

The Porters

Justin Sullivan

hier eine kleine Fotoauswahl - schönere bestimmt mal wieder bei Frank auf pixiac, denn er durfte mit den großen Kameras spielen ;-) Schon ein Unterschied zu den Fotos von vor zwei Jahren...

Historie der acoustic festivals Pollyanna
Tim Lothar Emaline Delapaix
Der Butterwegge Der Butterwegge
Der  Butterwegge Matze Rossi
Matze Rossi One Eye Open
One Eye Open Niall Connolly
Niall Connolly The Porters
Justin Sullivan Justin Sullivan
Justin Sullivan Justin Sullvan - Gitarre

(c) bat 01/18