Inna and the Farlanders, Bahnhof Langendreer, Bochum, 26.10.1999

Aufgrund eines Tips aus der New Nordic Folk List und der Überredung von Reiner haben wir uns Inna & the Farlanders im Bahnhof Langendreer angesehen.

Die Farlanders sind in Rußland eine wohl ziemlich bekannte Band, Inna Zhelannaya ist lt. Coolibri eine russische Liedermacherin, zusammen eben Inna & the Farlanders.

Es waren in der bestuhlten und betischten Halle etwa an die 50 Leute, die dieses vom WDR (5) geförderte Programm sehen und vor allem hören wollten. Los ging's um 20:20.

Auf der Bühne befanden sich zunächst mal nur Inna Zhelannaya auf einem Barhocker mit einer akustischen Gitarre und Sergei Kalachev am Baß, ab Lied zwei kamen dann Sergei Starostin an der Klarinette und an diversen Flöten, außerdem noch als Sänger neben Inna aber auch solo aktiv, sowie Sergei Klevenski mit derselben Instrumentierung, Pavel Timofeev an den Drums und ab und an Alexander Barmakov an den congas dazu. Das Konzert - das ihr übrigens am 19.11. auf WDR 5 hören könnt, war zweigeteilt. Der erste Part, der aus 9 Songs bestand, war dem traditionellen russischen Folksong gewidmet, wenn man das so sagen kann. Und genau hier endete auch die Zusammengehörigkeit dieses Konzerts mit der New Nordic Folklist, definitiv nicht zu vergleichen mit New Nordic Folk (so man ihn denn überhaupt so bezeichnet) von Bands wie Garmarna oder Lena Willeman oder Hedningarna oder Triakel, um nur einige zu nennen, die ich auch ansatzweise kenne. Aber egal.
Zwei Songs wurden nicht von Inna, sondern von Sergei Starostin gesungen, der in Moskau Klarinette studiert hat, so wie Inna Gesang studiert hat. Einen Song fand ich besonders klasse, zumindest von der Instrumentenseite, Starostin wurde nur begleitet von Sergei Klevenski, der einen Dudelsack spielte.
Die Stimme und der Gesang von Sergei Starostin hat mich allerdings nicht umgehauen: er hatte etwas Nasales, Leierndes, wie ab und an bei einigen Liedern dieses ersten Teils auch die Stimme von Inna. Sie sangen wie, tja, ich kann es nicht anders beschreiben, wie ein Muezzin, der zum Gebet ruft, orientalisch. War aber vermutlich so beabsichtigt, weil einfach die Lieder so waren und nicht, weil sie nicht singen können. Das haben sie im ersten Teil und vor allem im zweiten Teil unzweifelhaft unter Beweis gestellt. Insgesamt und immer beeindruckt war ich von den absolut perfekten Musikern, vom Leadinstrument Baß und seinem Zusammenspiel mit den Drums, der Kontrapunktsetzung der beiden Klarinetten oder der Flöten, von der tollen Ergänzung durch die Congas/Percussions und die akustische Gitarre und natürlich vom Gesang, sei er nur von Inna oder kraftvoll und beeindruckend von Inna und Sergei Starostin zusammen. Sie malten Bilder mit ihren Liedern, beschrieben Kreise: Sie fingen langsam an, mit nur geringer Instrumentierung wie zum Beispiel Flöte und akustische Gitarre (Inna), irgendwann wurde es dann lauter, Sergeis Baß kam hinzu, Pavel stieg ein, Inna schrie, faszinierend. Beim zweiten Teil, der leider nur 7 Lieder lang war (na gut, mit Zugaben waren es auch wieder etwa 9 oder 10), war ich absolut gebannt. Ich kann eigentlich gar nicht beschreiben, was sie machen. Sie machen Folk - zumindest, wenn man die Flöten und Tröten und den Dudelsack schon als Indiz für Folk nimmt - sie machen aber auch Rock oder Pop oder das, was ich als world music bezeichnen würde: im Song without words hören sie sich an wie Dead Can Dance, Inna und ihr Gesang eingeschlossen. sie arbeiten sehr viel mit Echos, Hall und Effekten, vor allem, was den Baß angeht. Außerdem hat das Ganze natürlich auch einen gehörigen Einschlag Jazz, schon allein durch die Klarinetten, die die beiden Sergeis meisterhaft beherrschten.

Drei Songs des zweiten Parts sind komponiert worden von Bassist Sergei Kalachev, dem wir von unserer Nordic Folk List, die uns den Tip gegeben hat (Dank nochmal an Sergei Kantere- genau, noch ein Sergei, nicht gerade selten der Name ;-)) ausrichten sollten, daß die gemeinsame Freundin Natasha eine Tochter zur Welt gebracht hat - Congrats natürlich auch von uns! Und diese drei Songs haben mich glaub ich am meisten beeindruckt.

Eins hatte nur den Baß und eine Flöte (sowas wie eine Panflöte, aber einzeln und ohne Löcher) als musikalische Untermalung; der Baß machte nur wenige Töne, zog diese stattdessen mit einem Effektgerät in die Länge, verlieh ihnen Hall... darüber schwebte Innas klare Stimme. Einfach genial. Ein anderes begann mit den beiden Sergeis an den Klarinetten, immer abwechselnd, wie ein Duell, dann stiegen Baß, Percussions, Drums, die akustische Gitarre von Inna und ihr Gesang mit ein, bis sie schließlich fast schrie... und dann klang das Ganze wieder aus, ganz langsam, bis wieder nur noch die Klarinetten übrigblieben, die zunächst wieder wetteiferten, die letzten Töne aber gemeinsam spielten. Zwischenzeitlich haben die beiden Sergeis immer mal wieder die Instrumente gewechselt: Flöten diverser Art, große, kleine, normale, Querflöten, aber auch diese russische Tröte (ein Schäferhorn, das razhak heißen soll), die sich vom Ton her ein wenig wie Donald Duck anhört, es erinnert ein wenig an eine Drehleier... und genau das haben sie genutzt bei einem weiteren Song, der mit dem einen Sergei an der Ententröte und dem anderen Sergei an einer Flöte, die er spielte als rufe ein Kuckuck, endete. Die drei anderen, Sergei, der Bassist, Pavel und Inna, klatschten abwechselnd immer schneller werdend in die Hände, echt irre!! Eine ganz eigene Stimmung.

Geredet wurde englisch, soweit sie das konnten. Am besten war Alexander, der immer dann einsprang, wenn Sergei Starostin oder Inna die Worte nicht einfielen; meist aber redete Inna. Zumindest die Songs wurden vom Titel her übersetzt, der Gesang blieb rein russisch.

So spielten sie zum Beispiel Twilight, Song without words, Through the orchard, Lullaby. Das sind die Titel, an die ich mich erinnere.

Absolut beeindruckend. Wenn Ihr offen seid für alle möglichen Stilrichtungen und eine wirklich perfekt spielende Band, fast könnte man sagen, Orchester, zu sehen und vor allem zu hören, dann seht sie euch noch an, wenn sie in eure Gegend kommen. Wie gesagt, nicht nach dem ersten Teil gehen, wenn euch der Leiergesang nerven sollte, der zweite Part läßt alles vergessen! Und außerdem ist dieser Eindruck natürlich ein sehr subjektiver: meiner Begleitung und auch unabhängig von uns einer Arbeitskollegin hat der erste Part noch besser gefallen als der zweite.

Hier ist ein weiterer link, in einem e-zine, wo ebenfalls und noch viel beeindruckender, eine Kritik verfasst wurde über Inna & the Farlanders.

(c) bat 10/1999


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