Oysterband, Zeche Carl, Essen, 25.05.1999

Oysterband. Irgendwann - 1991, um genau zu sein - hatte ich sie mal mit New Model Army und Fields of the Nephilim in Düsseldorf gesehen. Auf die Karte hab ich geschrieben: gut, aber zu folky. Aus irgendeinem Grund hab ich sie seitdem live nicht mehr gesehen, obwohl es Gelegenheiten genug gab und wir damals auch eine Platte von ihnen erstanden haben.

Einer Laune folgend bin ich gestern - diestag - in die Zeche Carl gefahren, um sie mir doch noch mal anzusehen.. und seither ärgere ich mich tierisch, sie all die Jahre ignoriert zu haben! Absolut genial, locker auf einem Niveau mit den Levellers und absolut verständlich, daá sie NMA auf ihrer Thunder & Consolation-Tour begleitet haben (von wegen Fiddle und so ;-) ).

Grund für diese Tour der Oysterband: das neue Album, Here I Stand, released auf ihrem endlich gegründeten eigenen Label. Oysterband selbst, das sind John Jones, Gesang, Ian Telfer (Schotte), Geige, Alan Prosser, Gitarre, Chopper, Bass sowie Lee, Drums, Percussion. Und alle können singen ;-)
Sie gründeten sich irgendwann Anfang, Mitte der 80er, ihre erste Platte gab's jedenfalls 86. Die drei erstgenannten sind Gründungsmitglieder, Chopper ersetzte Ende der 80er Ian Kearey und Lee ersetzte 92 Russel Lax.

Bevor ich näher auf das Konzertgeschehen eingehe, noch eine nette (?) Begebenheit am Rande: Ich kam zur Kasse, wollte eine Karte. Der Typ schaut mich an und meint, während er mir die Karte gibt: " Du warst doch letztlich erst hier, bei welchem Konzert war das doch gleich?" Fand ich nett, daß er mich wiedererkannt hat, aber.. ich glaube, ich geh zu oft auf Konzerte ;-)) Zu meiner Antwort "Xymox" meinte er noch "wilde Mischung". Naja... bunt. Aber bunt macht die Welt erst interessant.

Es begann vor der sehr vollen, aber vermutlich nicht ausverkauften Zeche Carl um etwa 20:35 h mit einem einsamen älteren Herrn mit Gitarre und mit Namen Jackie Leven. Gitarre konnte er spielen, er erzählte auch kleine Geschichten, singen konnte er auch.. hatte ein bißchen was von Rev Hammer... und von Johnny Cash ;-) Mir waren die Songs ein wenig zu ... rührselig, irgendwas zwischen folk und country, obwohl er defnitiv aus Schottland war und nicht aus Amiland: I met some American tourists the other day. They asked me where I come from. As I said: Scotland, they said: oh yes, we've been to Scotland, it's the nicest part of England.. ;-)

Um 21:05 h schloß er mit einem Aufruf, noch seine CDs zu kaufen.. so als Weihnachtsgeschenke für Leute, die man nicht mag... hmm, eigentlich war das Publikum recht nett zu ihm, ich weiß gar nicht wie er darauf kommt... :-)

Um ca. 21:30 h begann dann Musik; während dieses Intros kamen dann John Jones, Lee, Ian Telfer, Alan Prosser und Chopper auf die Bühne, alle mit schwarzen Klamotten und John mit Sonnenbrille. Chopper spielte bei diesem ersten Stück zunächst mal Cello, daneben gab's eine Geige sowie die E-Gitarre von Alan, neben den Drums von Lee. Wie schon erwähnt, sind die Jungs musikalisch wirklich begabt: Geiger Ian spielte nebenher auch sowas wie ein kleines 'melodeon'(ich würde dazu Ziehharmonica sagen, mein Lexikon sagt nix), Sänger John 'melodeon', Chopper spielte neben dem Cello meist einen normalen Baß, aber auch mal Gitarre und Alan spielte neben den diversen Gitarren auch noch Mandoline. Echt klasse!

Die Stimmung war genial, das Publikum hat klasse mitgezogen, vor allem allerdings bei den älteren, bekannteren Songs, aber das ist ja normal. Die ich eigentlich nicht mitschreiben wollte, weil ich dachte, sie sowieso nicht zu kennen und das Konzert mal so an mir vorbeirieseln zu lassen. Ich kannte die songs auch nicht, aber gerieselt ist nichts, ich war nach spätestens song zwei hin und weg. Und ich stand so genial, daß ich genau auf die Setlist des Mannes am Mischpult sehen konnte. Tja und dann hab ich mir die Titel halt doch gemerkt (die setlist war leider nicht zu bekommen) und mit Hilfe des Internet ergänzt, weil der Mann doch teilweise abenteuerliche Abkürzungen hatte ;-)

Los ging's mit Native Son, danach, nach fliegendem Wechsel von Cello zu normalem Baß, kam Be my luck. Hier hatten sie wie erwähnt schon gewonnen, klasse folk-rock, kritische Texte, laut Biographie Wegbereiter einer Menge Bands in dieser Richtung, nicht zuletzt der Levellers. Daher auch mit diesen zu vergleichen, die fiddle deutlich im Vordergrund, eine tolle, recht tiefe Stimme, ein Sänger mit Ausstrahlung, eine durch und durch sympathische Band, treibende Rhythmen, abwechseld tanzbar und schnell oder langsamer, nachdenklicher.

Der nächste song begann ohne Kommentar direkt in den Applaus hinein: a- capella, alle fünf: This is the voice von der neuen CD Here I stand. Eindrucksvoll. Nach diesem Lied wieder ein älteres, das mir - und dem restlichen Publikum, vor allem den Tänzern vorn - gut gefallen hat: The Shouting end of life. Gefallen haben sie mir alle, wenn ich jetzt sage gut oder besonders gut, sind das eben die Songs, die hängengeblieben sind, schließlich hab ich alle zum ersten Mal gehört ;-)
Die Texte sind laut Internet sehr politisch bis extrem, Wegbereiter der Kritik am Thatcherism und an sonstigen politischen Ungerechtigkeiten. Muß ich mir dringend mal genauer ansehen, so nach einmal hören kann ich das nicht bestätigen, zumindest nicht pauschal. Einige waren sicherlich kritisch, ist mir auch beim ersten Hören aufgefallen.
Leveller's T-Shirts gab's übrigens reichlich, ebenso New Model Army-T- shirts, neben vielen Oysterband-T-shirts. Paßte auch irgendwie, hat mich nicht überrascht.

Weiter ging's mit einem klasse tanzbaren Song, bei dem ich an das letzte RSC-Konzert und mal wieder Rev Hammer denken mußte: One green hill. Sowas in der Richtung hat er nämlich auch gesungen. Der Song ist Übrigens zu finden auf der CD Trawler. Die Jungs haben mich wirklich überzeugt, eigentlich bei eher unbekannten songs sehr schwer. Ich war nicht Beobachter, wie so oft, zugegebenermaßen z. B. bei Xymox und bei Echo & The Bunnymen, ich war mittendrin!

Direkt danach I know it's mine, ebenfalls neu. War auch schön, hat mich aber nicht so umgehauen wie das Vorgängerlied. Danach das einzige instrumentale Stück - John mit melodeon - auch sehr tanzbar: Salmon tails down the water. Geige in Rocksongs ist doch immer wieder schön ;-)

Im Anschluß gab's zwei Songs von der neuen CD: Street of Dreams (gab's das nicht mal als Titel von Saga oder survivor??? ;-) ), sowie On the Edge.

John erzählte nach diesem Song, daß sie sich freuen würden, wieder hier zu sein und was das denn auf dem Balkan mit der Nato für ein Irrsinn sei. Er als 'Engländer' müsse sich für zwei Dinge entschuldigen: erstens: Tony Blair. Big Smile (hat Justin auch mal gesagt, direkt fiel mir dazu seine Solotour und Red Sky Coven ein, die Herrschaften der kritischen Rock-Folk-Musik sind sich einig), Englands neuer Kreuzritter, Groábritannien auf dem Kreuzzug. Das zweite: Manchester (United) ;-) In England ebenso unbeliebt wie München (Bayern München) hier, Europas reichster Fußballverein. Wenn es nach ihm ginge, wäre das nicht England, ebensowenig wie München wohl Deutschland wäre, ginge es nach uns... er bezog sich wohl auf das Fußballspiel ;-)). In jedem Fall: Everywhere I go I hear what's going on and the more I hear the less I know. Genialer song, der mich heute, donnerstag abend, als Refrain immer noch verfolgt. Das Publikum hat mitgesungen, hat auch allein gesungen, immer wieder, selbst ich hatte zumindest den Refrain schnell raus. Während die anderen spielten und das Publikum obige Zeile sang und dazu klatschte (nachher auch mal nur klatschte, ohne Musikbegleitung, glaub ich), sagte John nur Schlagworte ins Mikro: Nato, Balkan, Fischer, Blair, War... wow, schon eindrucksvoll. Für mich der Höhepunkt des Konzerts, zumsammen vielleicht noch mit ein oder zwei Zugaben.

Danach ein Abstieg, konnte aber nur so sein, nach diesem Song, auch von der Publikumsbeteiligung her: Jump through the fire, von der Here I Stand.
Zwischenzeitlich - auch nach Everywhere I go, gab's vom Publikum neben donnerndem Applaus auch Applaus-Raketen, echt genial, die Oysters waren sichtlich begeistert vom Publikum und der Stimmung.

Es folgte By Northern light (auf der Liste als By N.L....), 20th of April und The Deserter. Bestimmt wert, daß man mal einen Blick auf die Texte wirft. Falls die jemand von euch haben sollte... ???

Weiter ging's mit dem neuen Here's to you und den Abschluß des Konzerts machte Blood wedding, irgendein song darüber, daß man sich das mit dem heiraten doch noch mal überlegen sollte - zumindest vordergründig ging's darum.

Klar, daß es in der Folge donnernden Applaus gab. Sie kamen auch relativ schnell wieder zurück, sangen When I'm Up, schön. John meinte dann, es sei genial hier, sie seien viel zu lange nicht mehr in Deutschland gewesen und vor allem viel zu lange nicht mehr in der 'Zecke Carl' und er fände es wirklich klasse, daß das Alter der Leute so gemischt sei (war es wirklich: von 12 bis Mitte 40 war alles vertreten). Einer, der älteste heute, sei 100, aber nicht Jahre (die Leute sahen sich auch schon suchend um ;-) ), sondern 100 Gigs alt: Dirk. Dieser war mittlerweile auf die Schultern von Leuten gehoben worden, wanderte - unfreiwillig? - bis nach vorn und wurde auf die Bühne katapultiert, wo der Bassist ihm erstmal umarmte und mit ihm quatschte, gleiches der Sänger. Sehr sympathisch, die ganze Aktion. John meinte dann, Dirk hätte sich ein Lied gewünscht und das würden sie jetzt auch spielen: All that way for this, klasse, akustisch! Lee mit Tambourin (oder wie heißen diese Dinger, die als Trommel benutzt werden können, aber auch Schellen am Rand haben?), akustische Gitarre, Geige, Cello. Dirk wußte nicht so recht, was tun, zappelte erst eine Weile auf der Bühne rum, bis John ihm per Geste Stagediving vorschlug: gesagt, getan, mit einem flehenden blick ins Publikum sprang er wagemutig - und wurde aufgefangen, nach hinten getragen, wieder nach vorn und auch wieder auf Schultern genommen, wo er den Rest des Songs genießen konnte.

Danach kam dann der erste Song, den ich an diesem Abend schon vorher kannte: Ein traditional, Star of the County Down (Brown Colleen). Und wieder von Rev Hammer und einer Red Sky Coven Tour. Mit Geige und mehr Instrumenten natürlich ganz anders, klasse.

John bedankte sich, es sei toll gewesen, sie verschwanden... erst der Sänger, dann der Gitarist. Der Drummer wechselte wieder zum Tambourin über, Geiger, diesmal mit melodeon, Bassist, der diesmal Geige spielte und Drummer verschwanden gleichzeitig, machten während des Abgangs weiter Musik.
Die Setlist war übrigens schon nach all that way zuende gewesen...

Da die Fans aber nicht aufgaben, kamen sie wieder, in umgekehrter Reihenfolge, man hörte erst die Musik, bevor man sie sah, genial!

Es folgte ein Song, der mich ebenfalls tief beeindruckt hat, aber der ganz anders war, als alle zuvor: Don't be afraid (ob er so heißt, weiß ich nicht, wurde aber dauernd gesungen). Fiddle, Melodeon, Acoustic-Gitarre, Cello, Sänger John mit verschränkten Armen. Drumer Lee an einer Trommel (tragbar) vorn auf der Bühne, die sich anhörte, wie diese 'Appelltrommeln' beim Militär damals, die zum Sammeln, Marschieren etc. gerufen haben. Das Cello wurde so gespielt, daß es sich anhörte, als ticke im Hintergrund eine Uhr. Unheimlich. Genial! Diesen Text hätte ich auch gern.
John sang: Don't be afraid, das Publikum antwortete als Echo, irre. John bedankte sich erneut, sie gingen, das Publikum sang weiter, ebenfalls mit Echo und richtig gut: Don't be afraid...
Dann nochmal Klatschsalven und Raketen. Sie kamen nochmal: Put out the lights (on London town). Ging nochmal richtig gut ab, nette Melodie zu einem bestimmt nicht netten Text. Und das war's dann definitiv um 23:20 h von dieser sympathischen Band, die eine so geniale Stimmung zu erzeugen vermochte und die mich wirkich fast sofort überzeugt hatte.

Fazit: auf jeden Fall wieder, jedem, der Folk-Rock a la Levellers mag, unbedingt zu empfehlen und verflixt, warum bin ich nicht schon eher drauf gekommen, sie mir nochmal anzusehen?!?!?!?

(c) bat, 1999

 PS: Unter dem Bild ist ein Link zur Oysterband-Homepage

(c) des Bildes - cover der neuen CD - natürlich auch bei Oysterband.

 


zurück zur Konzertseite