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Wolfsheim, Essen, Zeche Carl, 23.10.1998 

 

Die Geschichte dieses Konzerts beginnt damit, daß wir den Versuch unternommen haben, in Köln Karten für selbiges zu erstehen, was sich aber als schwieriger erwies als erwartet: wir erhielten Gutscheine für ein Wolfsheim-Konzert in der Zeche in Bochum. Am Wochenende, wieder zuhause in Dortmund, wunderte ich mich samstags bei der G.I.P. in der Essener Zeche Carl, daß Wolfsheim laut Plakat an genau diesem Tag dort spielen sollten. Hmmm, an zwei Orten gleichzeitig? Eher unwahrscheinlich... also montags wieder zum VVK und Gutscheine umgetauscht, was dann aber wider Erwarten sofort und ohne Probleme funktionierte...

Am Konzertabend, beim Umtausch des Gutscheins an der Kasse, wurde selbiger vom 'diensthabenden Umtauscher', der geschickterweise trotz irren Trubels der Meinung war, telefonieren zu müssen, mit beinahe inquisitorischer Genauigkeit untersucht.. hinter mir die fluchenden Massen ;-) Er fragte mich dann, ob ich die Karte am 8.10. - dem Datum des Gutscheins - gekauft habe. Fand ich eher nebensächlich, erzählte dann aber von dieser Umtauschaktion. Er meinte daraufhin, daß er mich eigentlich grollend wieder heim schicken müsse, denn das Konzert sei seit dem 4.10. ausverkauft. Das wusste ich zwar auch, allerdings nicht das Datum. War mir auch egal, ich hatte ja einen Gutschein...

Er bequemte sich dann aber, mir zu glauben, daß wir die Karten etwa eine Woche zuvor erstanden hatten und rückte die Karte raus. Gut für ihn, sonst hätte es Tote gegeben. Nicht, weil ich so begierig darauf gewesen wäre, Wolfsheim zu sehen, sondern weil a) nicht so gern Geld zum Fenster rauswerfe, ich b) stundenlang im Regen im Stau gestanden hatte, um freitags früh genug von Köln nach Dortmund zu gelangen und c) weil ich bei immer noch ähnlich bescheidenem Wetter für nichts und wieder nichts nach Essen gegurkt wäre!

Bevor ich nun zum eigentlichen Konzert komme, das übrigens nicht in der üblichen, sondern in der 'kleinen', hoffnungslos überfüllten, Nebenhalle stattgefunden hat (ich glaub aber, da passen mehr Leute rein als in die Haupthalle, man sieht nur sehr viel schlechter..), sollte ich vielleicht erwähnen, daß ich dem Ganzen ziemlich skeptisch entgegensah. Ich hatte Wolfsheim zum ersten und bis dato letzten Mal vor Jahren zur 'No happy view'-Tour in der Dortmunder Live Station (zusammen mit Girls under Glass und Blessing in Disguise) gesehen. Und noch nie war ich von einem Konzert so enttäuscht wie von diesem - zumindest was den Wolfsheim-Part anging: Heppner saß auf einem Stuhl, las seine Texte ab, sagte kein Wort und variierte noch nicht einmal die Reihenfolge der Songs. Für die Zugaben fing er einfach wieder von vorn an.

Naja, sagte ich mir, es ist viel Zeit vergangen, seine Stimme ist toll und hat 'Die Flut' erst so genial gemacht, also sieh ihn Dir einfach nochmal an, man soll Leuten ja immer eine zweite Chance einräumen. Nun denn: Er hat gelernt zu sprechen und sich für den Applaus zu bedanken und er kann Songs variieren. Vielleicht lag's auch einfach daran, daß sie noch kein neues Album zu präsentieren hatten, nur eine neue Maxi, wer weiß das schon? ;-))

Hach, bin ich wieder gemein ;-) Okay, weiter. Das Bühnenbild war wirklich toll, zwei 'Bögen' (Stahlrohre rechteckig aufgestellt) und ein paar Säulen aus Stahl passten gut zu dem Stahlgerüst über der Bühne, an der einige der Scheinwerfer hingen. Verziert mit Ornamenten in verschiedenen Farben, wohl transparent und von innen angestrahlt. Den Hintergrund der Bühne bildete ein helles Tuch, das in immer anderen Farben angestrahlt wurde - pro Song eine Farbe. Als Kontrast dazu dann die Scheinwerfer, die ein- oder auch zweifarbig über Bühne und Menge zuckten, mal schnell, mal langsam, je nach song, mal nur mit einem Strahl, mal wurde der Strahl zerlegt in viele Einzelstrahlen. Bei Annie z.B. war die Bühne einfach dunkel, die Strahler überkreuzten sich in der Mitte der Bühne, genau über Heppners Kopf, zerlegt in weiße dünne Lichtfäden - und standen einfach still. Toll. Bei einem song gab es sowas wie einen Wasservorhang: Wasser wie Regen floss vor den beiden Wolfsheims von oben auf die Bühne herunter, immer wieder angstrahlt und durchschnitten von den Scheinwerfern, während der Hintergrund der Bühne in kaltes Blau getaucht war - passend zum Stahl, imho.

Die Lightshow habe ich übrigens immer gesehen, Wolfsheim nur während der Zugaben - die eh das Beste waren - weil ich da endlich auf diesen 'Zaun' vor dem Mischpult klettern konnte. War aber auch nicht so tragisch, sie haben sie die ganze Zeit eh nicht bewegt...

Anfangs sahen wir Heppner also nur ab und an, er stand halt auf der Bühne. So haben wir doch tatsächlich vermutet, daß er diesmal die Texte auswendig gelernt haben könnte.. aber weit gefehlt, als wir näher hinsahen, sahen wir dann auch dieses Redepult/Notenständer, der, in schwarz gehalten, damit er nicht so auffiel ;-), direkt vor ihm stand... Folglich argwöhnten wir daraufhin, daß er vielleicht die Zwischensätze auch aufgeschrieben haben könnte... oder waren sie gar Playback??? ;-) Lästern ist schön ;-)

Wolfsheim - um doch endlich mal zum Thema zu kommen - spielten 15 songs und 6 Zugaben von 21:00 h bis 22:30 h. Ab 22:00 h war übrigens nebenan G.I.P. (die sich aber nachher als ein zusätzliches kleines Konzert irgendeiner Band rausstellte, die dann auch direkt nach selbigem endete, wohl nicht so toll).

Die Songs bekomm ich nicht mehr zusammen, zumal ich nicht alles kannte. Ich erinnere mich - ohne Reihenfolge - an folgende Lieder:

Intro, Anny, It's not too late (ohne Frauenstimme und Effekte), Can manage, Sparrows and nightingales, Upstairs, Closer still, A new starsystem has been explored, Old man's valley, Leave no deed undone, Anyway, Love is strange (cover), Once in a lifetime, zwei neue songs, über's Jahr (Zugabe), Ruby (Zugabe).

Sparrows and nightingales sagte Heppner vorher an - war auch gut so.. was er aus diesem Song gemacht hat war wirklich übelstes Dancefloor Bumbum. Aber die Menge johlte dennoch und mitgesungen hab ich natürlich auch ;-) Auch bei Annie, das ich ebenfalls sehr mag, konnten sie sich nicht beherrschen und legten einen nicht ganz passenden Rhythmus darunter ;-((( Hab ich ihnen echt übel genommen. Die neuen songs, die sie spielten, konnten mich ebenfalls nicht überzeugen: waren zwar anders als die anderen, was an sich schon mal ein Vorteil war - es hörte sich doch zu viel zu gleich an - aber leider in diesem Falle wieder chartorientierte Beats, die es einfach nicht waren. Schade. Haben wir mit dem Erfolg von 'Die Flut' etwa Blut geleckt??? Bei einem dieser Songs meinte Heppner, er habe ihn erst gestern fertiggestellt. Und prompt hat er den Text nicht mehr auf die Reihe bekommen und hat nur beim Refrain wieder mitgesungen... eigentlich ist sowas ja ganz sympathisch, wenn ich an die Vergesslichkeit bei einigen Another Tale-Konzerten denke oder an Veljanovs Lachkrampf mitten im Lied, der ihn auch am Weitersingen hinderte, aber es ist schon ziemlich schwierig, einen Text zu vergessen, wenn man alle Texte abliest... oder??? ;-)

Das Konzert hatte natürlich auch highlights. Annie war sicherlich einer - trotzdem und einige der Songs der Dreaming Apes waren auch ganz okay, ebenso wie ein Cover, Love is strange - endlich mal was anderes, so melodietechnisch.

Und genügend Leute hatten auch Spaß an der Sache. Diejenigen, mit denen ich nachher gesprochen habe, waren allerdings allesamt weniger begeistert... Richtig auf die Musik konzentrieren konnte ich mich auch nicht so recht, weil mich permanent Leute umgerannt haben, denen es vorn zu voll und/oder warm war. Ein Mädel ist auch glatt vor mit umgekippt, konnte sie kaum halten, das Auffangen gelang nur aufgrund des beherzten Eingreifens eines Bekannten, der wusste, wie man sie zu packen hat ;-)

Richtig gut waren allerdings die Zugaben: Vor allem Ruby, das ich hier zum ersten Mal gehört habe und Über's Jahr.

Fazit: Eine gute Stimme allein macht's nicht, wenn nicht auch die Melodien mal ein wenig variiert werden. Und dieses chartorientierte Dancefloor-Zeugs - sicherlich ein wenig übertrieben, aber die Richtung war's jedenfalls - konnte mich auch nicht überzeugen. Immerhin war Heppner nicht mehr ganz so steif wie bei meiner letzten Besichtigung von Wolfheims Können, aber dennoch werde ich sie mir wohl live nicht mehr ansehen - trotz der tollen Lightshow ;-)) Ab und an die 'No happy view' oder etwas seltener die 'Dreaming Apes' im CD-Player tut's auch.

(c) bat, 1998


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